1.9.19

Pause*

manche haben ja dieser Tage ihre Schwierigkeiten mit social media, und ich habe heute morgen ebenfalls meinen Aha-Moment erlebt. Eher etwas zart besaitet und erschöpft von der keineswegs erholsamen Nacht, schlage ich twitter auf und lese zum xten Mal die ach so spannende Frage danach, 'warum die Frauen das mitmachen' und threat und jetzt ist zur Abwechslung mal mir die Hutschnur geplatzt. Zuerst lange replys formuliert, die natürlich auch immer ein Nachdenken über mich sind. Dann daran gedacht, das alles hier ein bisschen aufzudröseln, zu erklären, biographisch zu werden. Muss ich mich hier rechtfertigen? Runterziehen lassen?
Ich bin nicht glücklich mit der Situation, versuche, das beste daraus zu machen, mache weder die 'Verhältnisse' noch meine Familie oder sonstwen dafür verantwortlich. Es war so, wie es war und ist wie es ist. Vielleicht bin ich lethargisch, vielleicht ein paar Mal falsch abgebogen, jetzt fehlt mir der Mut oder die Vorstellungskraft oder beides. Imposter ist sicher auch dabei, aber das will ich schon garnicht formulieren, könnte ja vorgeschoben sein. Ich habe tatsächlich als erste meiner Familie das Gymnasium besucht und bin gescheitert, und dass ich tatsächlich einen Hochschulabschluss habe heißt nicht, dass ich mir je wirklich hätte vorstellen können, Akademikerin zu sein (bin ich ja auch nicht) Aber muss ich das allen auf die Nase binden? Geht das wen was an? Ausgerechnet andere Frauen, die formulieren, meine Argumente wären nur vorgeschoben? I don't think so. Es macht mich f*ing müde. Dieser Tage machte der Text einer Frau die Runde, die davon berichtet hat, wie schwer es ist mit ihrer Entscheidung, mit ihrem Kind zu Hause zu bleiben. Da war was los! Ja sowas! Mir ist es egal, was sie macht, ich möchte vor allen Dingen nicht, dass öffentlich darüber gerichtet wird. Soll sie doch, ich freu mich, wenn es ihr gelingt, dass sie das so für sich unter einen Hut kriegt. Oder soll eine Frau, 'Mitmutter' aus Js Klasse mein Vorbild sein, Gemahlin des erfolgreichen Steuerberaters, die halbe Tage arbeiten geht und sagt, ihr würde sonst die Decke auf den Kopf fallen? Mit Gärtner, Haushaltshilfe und so würde mir das auch. Hier ist übrigens kein Sozialneid im Spiel, ich freu mich für sie, wenn das Konzept aufgeht und sie ihren Weg für sich gefunden hat. Ich kann mich zu Hause beschäftigen, nicht immer richtig, oft bin ich mit meinem Tagwerk nicht zufrieden, vielleicht gelänge das besser, wäre ich organisierter, aber eine zusätzliche Berufstätigkeit hilft mir dabei nicht. Und, damit wir uns nicht falsch verstehen, ich befinde mich natürlich in einer absolut privilegierten Situation. Und natürlich habe andererseits ich Angst vor Altersarmut. Natürlich denke ich, eine Scheidung wird mich nicht treffen. Und bestimmt bin ich ein schlechtes Vorbild für meine Töchter. Du kannst alles werden was Du willst sage ich zu ihnen. Wünsche ich ihnen das wirklich? Jetzt so zu tun, dass als ob alles möglich wäre? Jahrelang hab ich das selbst geglaubt. Mit dem Alter kommt der Frust, die Wut und die Einsicht, dass das nicht so ist. Als Anfang Fünfzigjährige zurück in die Intensivpflege? Oder vielleicht als Selbständige in den Kulturbetrieb? Lehrerin mit befristeten Verträgen, die dann nicht verlängert werden damit ich keine Entfristung einklagen kann? Die große Freiheit der Berufstätigkeit oder das tägliche Kopfschütteln über all die Bekloppten, mit denen ich dann zwangsweise zu tun hätte? Ich bin wirklich entsetzt darüber, wie mir meine Erwerbstätigkeit genommen wurde, das hat mich nachhaltig verstört. Schade, dass ich keine zündende Idee habe, was noch aus mir werden könnte. Im Moment ist es aus vielerlei Hinsicht einfach schwierig. Da möchte ich mir aber nicht auch noch sagen lassen, dass ich ja die gleichberechtigte Versorgung der Kinder und das Aufteilen des mental load einfach nicht will, aber dafür zuständig bin, dafür zu kämpfen. Danke. A propos mental load: die Sorgen des Mannes auf der Arbeit trage ich übrigens auch mit, und noch dazu versetzt mich das in die unangenehme Situation, das mit aushalten zu müssen, ohne etwas  dafür oder dagegen tun zu können.
Und noch etwas: manchmal möchte ich behaupten, dass die pure 'Versorgung' der kleinen Kinder ein Klacks ist gegen das, was bei Pubertierenden aufzufangen und auszuhalten ist. Ich habe ihnen dieses Leben aufgezwungen, sie verdammt dazu, weil ich sie mir gewünscht habe. Daran trage ich im Moment schwer, das ist kein regretting motherhood im klassischen Sinne, sondern ein Verzweifeln darüber, ihnen diese aufgebürdet habe.
Wo war ich? Ich mach Pause. Mein Blog ist ebenfalls das Immergleiche ohne Inspiration. Arztgattin mit zwei anstrengenden Kindern, die nichts sonst zu sagen hat, ohne besondere Eigenschaften. Die Welt geht unter, und ich werde es nicht verhindern können. Ich fühle diese Bedrohung und ächze bereits jetzt unter der Hitze. Ich kann keine schmelzenden Polkappen mehr sehen, weil ich es nicht ertragen kann.
Das einzige, was ich noch versuchen kann ist, meiner Familie so lange es geht eine einigermaßen akzeptable Zeit zu geben (und meine Kinder nicht anzuschreien, weil ich schließlich auch einen anstrengenden Arbeitstag mit lauter Irren hatte und sie gefälligst Rücksicht nehmen sollen.)
Menschen ohne Skrupel fahren gesellschaftliche Errungenschaften einfach so gegen die Wand, because they can. Hier brennt der Amazonas, dort wird einfach so weitergemacht, als wenn nichts wäre, bisschen AfD gewählt, bisschen Hass gesät, bisschen die EU verlassen, you name it. Am Müllhäuschen des Campingplatzes kannst du bei der Beobachtung der nicht praktizierten Mülltrennung den Glauben an die Menschheit ebenso verlieren wie bei der Beobachtung einer siebten Klasse im Umgang miteinander in der Schulbücherei. Die Menschen, die Gefälligkeitsgutachten für Privatinvestoren über 'füge jedes beliebige Thema oder die Zukunft des ostdeutschen Braunkohletagebaus ein, da hatte ich kurz Einsicht' schreiben verachte ich ebenso wie den o.g. Steuerberater oder den amerikanischen Präsidenten. Ich bin entsetzt und verzweifelt über das alles. Und kann auch leider kein Apfelbäumchen pflanzen.

*Dieser Text stellt keinen Anspruch auf Objektivität oder Durchdachtheit. Er ist rein subjektiv schnell zusammengeschrieben und versteht sich nicht als Diskussionsgrundlage.

kleines edit: selbstverständlich freue ich mich für jede Frau, der es gelingt, ihre Berufstätigkeit zu genießen, die gern macht, was sie tut, und Familie und Beruf unter einen Hut kriegt, und ich fühle mit denen, denen die Vereinbarkeit nicht so gelingt. Ich bewundere Frauen, die berichten, dass sie ihre Arbeit genießen und gern machen und das alles mit Kind/ern, ich finde das toll. Ich finde es auch super, dass es immer mehr davon gibt, jedenfalls kommt es mir so vor. Die ihren Platz auch in der Arbeitswelt gefunden haben, die den Platz in der Erwachsenenwelt nicht verlassen wollen wenn ein Kind da ist, wie klasse ist das denn! Aber alle sollen es so machen können, wie sie es können, schaffen, gegeben ist, und Hilfe für alle, wo es nicht so klappt, warum auch immer, keine stillen Vorwürfe in der Art oben. Hier ging es jetzt nur um mich und was der threat so getriggert hat.

noch ein edit: ich habe eben erst die tolle Antwort von Renz-Polster zur erwähnten Frau gesehen, via twitter.

6 Kommentare:

  1. (Mal sehen, ob ich ohne Google-Konto hier kommentieren kann)

    Ich kann hier vielem zustimmen, aber dem hier nicht: "das immergleiche ohne Inspiration" und "die nichts sonst zu sagen hat". Manche von uns (ich auch) sind nicht für Höhenflüge gemacht, sondern setzen einfach Fuß vor Fuß, täglich und beharrlich. Ich finde nicht, dass solche Menschen deshalb weniger wert sind.

    AntwortenLöschen
  2. Ich kann Frau Geschichtenuntmeer nur zustimmen und möchte noch ergänzen, dass das Spannende doch nicht rein faktisch ist, was getan wird, sondern wie es getan wird, welche Gedanken dabei im Kopf sind.

    Ganz, ganz spannend fand ich z.B. deine Erwähnung nur in einem Nebensatz: "aber dafür zuständig bin, dafür zu kämpfen". Das wird ja ganz selten nur so ausgesprochen. So gut wie nie lese ich "wieso lässt der Mann das mit sich machen, dass er nicht in Teilzeit gehe darf, dass er seine Kinder nur so selten sieht?". Oder auch nur "wieso gibt dieser Mann das Kind so früh in die Krippe?" Oder "Will der Mann sich nicht mal endlich darum kümmern, dass in seiner Beziehung die Alltagsaufgaben gleich verteilt sind?"

    AntwortenLöschen
  3. Liebe Frau Pfützenspringen, leider habe ich ihr Blog gerade erst via Herrn Buddenbohm entdeckt. Ihr hoffentlich nicht letzter Blogpost spricht so Vieles von dem an, das ich selbst auch immer wieder in ähnlichen Diskussionen gedacht habe und denke, nur nicht immer so ins Reine wie Sie. Mit dem Satz "Mir ist es egal, was sie macht, ich möchte vor allen Dingen nicht, dass öffentlich darüber gerichtet wird." sprechen Sie mir so richtig aus der Seele.
    Überflüssig zu sagen, dass ich es schade finde, wenn es hier nicht weitergeht.
    Aber immerhin kann ich ja jetzt erstmal nach hinten lesen.

    Liebe Grüsse, Stefanie.

    AntwortenLöschen
  4. ich schliesse mich stefanie an. herzlichst steffi

    AntwortenLöschen
  5. vielen Dank alle :)
    Ich freue mich wirklich über die netten und hilfreichen Worte, und auch einfach darüber, dass Sie sich die Mühe machen, hier zu kommentieren. Es hilft <3

    AntwortenLöschen
  6. Ich habe den Post mit Interesse und mit viel 'aha, ja, stimmt, sehe ich auch so, geht mir auch so' gelesen. Und das, obwohl er mich anfänglich tl;dr triggerte. Und das soll schon was heißen.

    Abschließend möchte ich mich auch dem Kommentar von geschichtenundmeer zustimmend anschließen. Und ich finde, Du machst das sehr, sehr gut!

    AntwortenLöschen

#wmDedgT Oktober 2026

  Frau Brüllen fragt das Internet  ‚was machst Du eigentlich den ganzen Tag?' und wir beantworten das am 5. jeden Monats mit dem Hashtag...