29.3.20

Neben ‚Alltag in diesen Zeiten’ eine kurze Geschichte über ein Zeugnis

Um meine Bewerbungsabläufe etwas zu optimieren (es gibt jetzt Adobe pro im Haus) eine kleine Neuer-Scanner-Fortbildung gemacht, und kaum sitzt man mal nicht allein am Scanner, sehen vier Augen mehr als zwei, nämlich dass der Geburtsort auf meinem Magisterprüfungszeugnis nicht stimmt.
Das ist insofern bemerkenswert, als dass das Ursprungzeugnis auf 2004 datiert, und ich erst ein paar Jahre später in einer Bewerbungsphase bemerkte, dass das Geburtsdatum nicht stimmt (ich habe das Zeugnis vorher nicht Gebrauch). Allerlei Bemühungen unternommen, lange gewartet, patzigen Antworten am Telefon erhalten, dann endlich das geänderte Formular in Händen gehalten. Aber ach! Der Vermerk in der Kopfzeile störte die Idylle etwas: „Zweitschrift wegen Verlust des Originals“. Allein, ich hatte das Original ja nicht verloren, die Uni hatte ein falsches Geburtsdatum eingetragen! Ich erlebte den Vermerk als Unverschämtheit. 
Wieder telefoniert, geschrieben, sogar eingeschrieben, also Einschreiben geschrieben (Entschuldigung). Nach Monaten dann endlich, endlich. Das Formular datiert auf September 2018.
Gestern stand da auf einmal „Geburtstort Bonn.“
Ich könnte heulen. Im Ernst, in ein ziemlich tiefes Loch gefallen. Am Freitag dann die Bewerbung trotzdem abgeschickt.
(Es ist natürlich auf mehreren Ebenen unglaublich. Neben dem Ärgernis des Mehraufwandes muss ich mich selbst natürlich fragen, wie es wirklich um meine Korrekturfähigkeiten bestellt ist, an was für eine unmögliche Sachbearbeiterin ich da geraten bin, ob sie das absichtlich gemacht hat, wie es jetzt weitergehen soll und wie ich mit der Peinlichkeit weiterleben soll, dass mir das in drei Teufels Namen nicht längst aufgefallen ist.)

Die Tage sind mal gut mal schlecht. Wir bemühen uns.
Freitag war durchwachsen, zu lange geschlafen, aber wenigstens kurz im Garten und abends auf der menschenleeren Straße Fotos gemacht. Den Kindern gefällt das sehr.

Samstag Vormittag ein Panikmoment mit schnellem Puls, starkem Reizhusten und über allem die Frage was passiert, wenn ich ausfalle. Ich konnte mich beruhigen und ablenken. Im Garten der Giersch, das leidige Thema. Hochbett besät, Vogeltränke geputzt, neue Futtersäulen aufgehängt, die tatsächlich innerhalb einer Stunde von den Meisen benutzt wurden, wie schön.
Maskennähtutorials geschaut, TochterJ hat einen Auftrag von den Großeltern.
Marmorkuchen gebacken.
Abends alles Gesäte abgedeckt, das Wandelröschen zurück in die Garage bugsiert in Frosterwartung.
Schnell noch Nachbars Magnolie in abendlicher Frühlingssonne dokumentiert.







28.3.20

Dienstag/Mittwochsgedanken, 24./25.3.2020 plus Donnerstagscliffhanger

Keine Symptome googeln, ebenso keine Unterhaltungen unter Medizinern! (Hab‘s doch gemacht)
Keine dystopischen Berichte lesen! (Hab‘s doch gemacht.)
Ich habe keine beruflichen Herausforderungen zu managen, die mich beschäftigen, daher beschäftige ich mich mit Haushalt und Kindern. Eine Bewerbung steht noch aus.
Weniger Machen, mehr Sein. Mein Achtsamkeitsding haut voll rein.
Was ist denn noch sinnvoll, was kann den Kindern helfen zurechtzukommen.
Anruf meiner Mutter: gestern ist ihr aufgegangen, dass ihr Besuch bei uns blauäugig war. Ja. Trotzdem war es schön (und gut), dass sie (nochmal?) hier waren. Es kommt also langsam an. Auch bei mir. Was werden wir dieses Jahr alles machen können / nicht machen? Wie wird sich das auswirken auf uns, die Gesellschaft, unsere Bewegungsfreiheit.
Noch kein Apfelbäumchen gepflanzt, nichtmal gesät. Jeder Tag ist ein neuer, vielleicht schaffen wir es heute.
Diese Unwirklichkeit, dass die Natur völlig unbeeindruckt weitermacht.

*Natürlich ist homeschooling nicht der richtige Begriff. Die Themen sind vorgegeben und mehr oder weniger gut vorbereitet. Ich schrieb es bereits, wir müssen uns zu Hause auf die Ebene der jeweiligen Lehrperson begeben und ihr auf dieser dann antworten. Zusätzlicher massiver Streitpunkt bei uns: mein Anspruch, den Kindern zusätzlich den Umgang / shortcuts / workarounds uä Computerskills beibringen. (Wird mehr oder weniger widerwillig aufgenommen).

Es ist langsam ein Muster erkennbar: morgens kann ich Situationen retten, am Abend übernehmen das eher die Kinder.

Donnerstag

Beim Einkaufen keine erweiterte Freundlichkeit festgestellt, eher im Gegenteil, die Menschen scheuen Blickkontakt, gehen sich aus dem Weg. Die Person in der Nähe wird als bedrohlich wahrgenommen. Da die Öffnungszeiten im Drogeriemarkt eingeschränkt wurden entwickelte sich eine Schlange vor Geschäftsöffnung, das ältere Paar drehte den Fangen spielenden Kindern demonstrativ den Rücken zu. Im Markt dann das große Hauen und Stechen um Klopapier.

Twitter ist trotz allem ein Lichtblick. Nicht nur Twitterkneipe mit schicker Kleidung (nein, nicht ich) und dann die offenen Ohren und Verständnis zu Wort- und sonstigen Anspielungen. Danke dafür <3 p="">
Freundinnentelefonat. 
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<3 p="">Und ich hab den Quintenzirkel verstanden. An den Bemerkungen zu meiner Freude auf Twitter allerdings nochmal das Kleinbürgerkindsein gemerkt. (Die Geschichte, wie ich an kein Klavier kam ist schnell erzählt: ich hatte mein Kommuniongeld für ein Klavier gesammelt. Der Ansprechpartner in der zuständigen Musikschule riet meinen Eltern, als günstigen Anfang die Melodika zu wählen, Tasten und so. Sollte das klappen,  nächster Schritt Akkordeon. Das haben wir uns dann geliehen. Sollte ich üben, könnte man die teure Investition wagen. Unnötig zu sagen, dass ich nicht übte, das Akkordeon hasse ich bis heute. Außerdem unnötig zu erwähnen, dass der Lehrer selbst Akkordeon unterrichtete.) Spaß beiseite. Dass sich Leute über den Quintenzirkel Tonleitern, Kreuzanzahl und anderes merken, Chapeau, ich bleib wohl doch auf Blockflötenniveau.
<3 p="">Familienspaziergang mit Bärlauchpflückung.
<3 p="">Dann heute Abend unsere Pulpovorräte aufgebraucht für Spaghetti mit Tomatensoße.
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<3 p="">Danach dann die (nachhaltige) Ernüchterung, jedoch, cliffhanger, das heb ich mir für morgen auf.
<3 p="">Gute Nacht.
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23.3.20

Wochenende 21./22.03. und der Rest des Montags

Freitag gehört auch dazu, weil der Mann schon frei hatte, naja, körperlich anwesend war und übers Telefon Brände löschte, es wurde wohl wieder mit Förmchen geworfen. Anstrengendes Schulpensum, erste Gruppentreffen der Kinder mit anderen, ein Video wird erstellt, das toll geworden ist. Abends gehe ich einkaufen, keine Milch, wenig Milchprodukte vorrätig, kein Mehl, ich vergesse leider einiges, aber wir sind gut versorgt. Die Kinder glotzen das reduzierte Dein-Song-Finale.

Samstag. Ich wache früh auf und beschließe, in eine kleine Gärtnerei zu fahren, um nach Anpflanzerde zu schauen. Dort verkaufen sie die letzten Blumen, das wird wohl ab Montag nicht mehr möglich sein. So kaufe ich zum ersten Mal eine rote Rose pro Jahr, zwei bekomme ich dazugeschenkt. Die passen ja gut, töchtermäßig. Auf dem Nachhauseweg sehe ich endlich mal eine ordentliche Schlange vor einer Bäckerei, mein britisches Schlangestehherz lacht, dass ich das noch erleben darf. Die Kinder schlafen noch, als ich um kurz vor zehn wieder ankomme. Frühstück. Der Mann ist zwar unterwegs, aber seine - ja was eigentlich? - guten Vibes hatten abgefärbt. Gute Stimmung, wenig für die Schule vorgenommen, die Kinder spielen viel draußen, ich putze bisschen.
Am Nachmittag ein schöner Spaziergang mit tollen Bildern und viel frischer Fühlingsluft.



Bächlein im Vordergrund, etwas Weißes im Hintergrund
Trockendock


Abends kurze skype-Verabredung mit meiner Schwester, die spontan ein Glückwunschbanner malt für einen runden Geburtstag in der Verwandtschaft. Das große Fest fällt aus, aber wir stoßen um Mitternacht virtuell an. 
Eigentich lohnt sich der Eintrag ja nicht, aber der 21. März ist mein Lieblingsdatum. Früher war das sogar mal Frühlingsanfang!
Am Sonntag wecken uns die Kinder mit pancakes. Hochzeitstag. Herrje. Spielt ja nicht so eine Rolle, wir waren vorher schon 11 Jahre zusammen und wollten es als formalen Akt vor Auslandsaufenthalt sehen. Außerdem ist die Familie des Mannes nicht so für's Feiern. Fotos angeschaut, und eine Rumfortrüebli gebacken. Wie gut, dass Frau Novemberregen nachgefragte, so kam mir überhaupt die Idee! Es gab noch einige Eiweiße im Kühlschrank, also habe ich bei den Eiern etwas getrickst. Die Herzform wollte auch nicht gelingen, wir haben da so ein Patent, daher war das Ergebnis etwas unförmig. hat aber gut geschmeckt. Neuigkeiten mit Ultraschallbild aus der weiteren Verwandtschaft.


Im Sinne von support your local Restaurant gegen Abend Essen bestellt und abgeholt, Spargelrisotto für uns, Schnitzel für die Mädels.

Abends dann nachgerade Corona-Ritualstress:
18:00 Balkonsingen auf Betreiben der Nachbarn, die ankündigten, zuzuhören (J am Klavier, ich an der Flöte, sorry Frau Fragmente!) Aber die Nachbarn haben geklatscht.
19:00 Konzert Igor Levit (wenn es noch geht und hier jemand mitliest, die seinen Schumann von Samstag wider Erwarten noch nicht gehört hat: un-be-dingt nachholen!)
19:30 läuten hier jetzt die Kirchenglocken ökumenisch, ein Vaterunser und an-alle-denken mit Kerzenlicht. Dann soll noch der Mond ist aufgegangen gesungen werden, eine whatsapp bittet um 21 Uhr um italienisch-deutsches-Glockengeläut, das bei uns aber nicht zu hören ist. Wir werden uns auf die drei Termine beschränken, möglicherweise malen wir heute einen Regenbogen an ein Fenster.
Frau Frische Brise hat noch einen Link zur Unterstützung der lokalen Kinos. Bisschen Werbung schauen ist bei uns für die gute Sache auf jeden Fall drin. Danke für alle fleißigen Linksammlerinnen.
edit: WDR mit dem Projekt  #herzleuchten 
Abends nach dem Spielestreit ein Spaziergang durchs Viertel mit TochterR. Mitten auf der Zubringestraße weniger los als an Weihnachten.

stadteinwärts,
zu erahnen ist ein gewisses Wohnzimmer in gelb
stadtauswärts
Am Montag dann den Mann um 5 Uhr für wahrscheinlich zehn Tage verabschiedet, kurz bisschen online gewesen und dabei einen sehr hilfreichen Text über homeschooling gefunden. Gleich mal gemerkt, leider hinter einer Bezahlschranke. Die Quintessenz für mich: Schule ist nicht 1:1 von Schule nach zu Hause übertragbar. Es muss anders gelernt werden. Bisschen locker lassen bei den Inhalten. Es ziehen eh nicht alle gleich mit. Drei Einheiten a 1 Stunde sind ok, mehr ist besser, weniger auch. Nach dem Enthusiasmus kommt der Frust.
Also, das steht da so sicher nicht, aber für mich kann das eine gute Richtschnur sein. Es geht um meine innere entspannendere Haltung zur Sache. Es ist schon so schwer genug. Funfact: wir haben heute um 19:30 das Vater unser auf Englisch nachgesehen. Nennt mich Queen of homeschooling.
Außerdem sind zwei Jobabsagen zu vermelden.

Neues Coronafeature: jeden Tag eine kleine Meldung an jemanden. Heute: mich bei einer Bekannten bedankt, die mir von ihrem Honig geschenkt hatte. Die Bienen musste sie mittlerweile abgeben. Ich trinke Ingwer-Zitrone-Honig bei aufziehendem kratzenden Hals (zuhülf).

Passt auf Euch auf.

20.3.20

Corona #5 Mittwoch und Donnerstag

Während die Maus am Donnerstag läuft tippe ich noch den gestrigen Beitrag.
Die Lernplattform der Schule ist total überfordert, nix läuft. Dasselbe gilt für uns: wir sind überfordert, nichts läuft. Mir reichen zwei Kinder, Zwillingsphänomen greift auf ne Art. Wir überlegen, als vorzeitiges Weihnachtsgeschenk eine Spielkonsole anzuschaffen und recherchieren herum: was soll gespielt werden, mit wem. Ich gäbe was für eine Einkaufsberatung, die mir sagt, was wann wo zu kaufen ist. Bei Twitter frage ich nicht nach, mir ist die Privilegiertheit dieser Tage sehr bewusst.
Wir sind genervt von dem Hin und Her der Schule. Die Lernplattform funktioniert nicht, wir versuchen, alles aufzuschreiben und dann separat zu lernen, offline Dinge vorzubereiten, aber das gelingt nur zum Teil. Manche Lehrerinnen weichen auf andere Plattformen aus, aber auch diese sind dicht. Es liegt sehr am Engagement und Technikaffinität der Einzelnen, wie sie die Arbeitsaufträge ausgestalten. Wir haben uns zu Hause darauf einzustellen und auf der jeweiligen Ebene zu reagieren. Den Kindern fällt es schwer, ihre Eigenständigkeit aufzugeben, ich quatsche viel rein bei der Handhabung am Computer. Die Nerven liegen schon ziemlich blank. Wenigstens ist das Wetter gut, es kann im Garten gekickt werden. Ich rufe die Nachbarn an, die sind sehr reserviert und aber auch gut versorgt: die Tochter ist ins Homeoffice von Köln zu ihren Eltern umgezogen.
Mein Zyklus wurde nach 23 Tagen beendet, 80 wäre mir lieber gewesen lieber Körper. Außerdem habe ich seit einer Woche eine offene Wunde am rechten Daumen, die mich einschränkt in der Hausarbeit und eine weitere prima Eintrittsstelle für Viren wäre. Denke ich in schlechten Momenten. In denen überlege ich auch, was passieren würde, wenn ich jetzt schwer krank würde.
Abends kommt der Mann nach Hause, spielt mit den Kindern, wir gehen zum Kurzsport, der ist ja mehr Physiotherapie und essen Reis mit Scheiß, also Gemüse des Kühlschranks (Zwiebeln, Möhren, Zucchini, Paprika, dazu Dosenmais) als Soße wünscht sich J sowas wie warmes Ketchup, also helle Mehlschwitze mit Tomatenmark und Sahne.
Wir glotzen zusammen logo, dann Tagesschau und anschließend die Ansprache von Angela Merkel. Wir wollen gerne einen besseren Plan machen für die nächsten Tage, ich überlege mit dem Mann, wie das aussehen könnte. Während wir am Tisch sitzen beobachtet der Mann, wie eine Maus im Garten an dem kleinen Stab hoch zu den Meisenknödeln klettert. Foto ist leider nichts geworden.
Spät ins Bett.
Donnerstag ist genauso zerfahren, unsere Lernbemühungen werden durch die schlechte ‚Performanz‘ der Lernplattform ausgebremst. Mittags Maultaschen mit Salat, nachmittags Bio, Deutsch, Mathe, das Wetter wird schlechter, die Laune auch.
Meine Eltern rufen an. Sie sind erstaunt, dass die elektive OP meines Vaters nicht vorgezogen wird, sondern, im Gegenteil, wahrscheinlich abgesagt. Total verständlich, klar, aber wenn’s dann akut wird, wird er als Notfall eingewiesen werden müssen. Oh the irony.

Ich tue mir sehr schwer mit schreiben. Meine Kinder sind gesund, ich bin gesund, unser Haus ist groß, wir sind privilegiert, wir haben nur kleine Sorgen. Dem Paketboten habe ich einen Einkaufsgutschein ausgedruckt, (vom großen Fluss, oh the irony, mal sehen ob er ihn nimmt), aber auch das fühlt sich hilflos an. (Er hatte letztes Jahr einen Herzinfarkt, ist mehrere Monate ausgefallen, wir haben es immer nett miteinander, gestern hat er sich mit ‚bleib gesund‘ von unten verabschiedet, ich hatte einen sehr dicken Kloß im Hals).
Abends gntm, sollen sie, ist mir egal, wer weiß wie lange noch.
Der Mann kommt nach Hause, möchte zum Friseur, überlegt, trotz allem seinen Vater zu besuchen, wer weiß, wie lange noch. Er erlebt einerseits die Ruhe vor dem Sturm, aber auch die ist geprägt von Vorbereitungen, menschlichen Zerwürfnissen, es werden wohl Förmchen geworfen.
Als Rausschmeißer ein Gedicht meiner Kindheit, aus meiner damaligen Standardlektüre, dem orangenen „Geh und spiel mit dem Riesen“ von Beltz&Gelberg. Es ist möglicherweise ein Klassiker, aber das hab ich in der südwestdeutschen Provinz natürlich nicht so mitbekommen. Mir hat es aber doch irgendwie die Welt eröffnet. TochterR hat es heute in der Schule durchgenommen, es passt ja auch ganz gut zur Gesamtsituation:


Halbey, Hans Adolf: Trotzdem.
Aus: Gelberg, Hans-Joachim (Hrsg): Geh und spiel mit dem Reisen“ Erstes Jahrbuch der Kinderliteratur. Beltz&Gelberg, Weinheim und Basel 1971. S. 20.


18.3.20

Corona #4

Puh, voller Tag, und doch.
Meine Mutter geht Brötchen holen, nach dem Frühstück verabschieden wir uns. Mit einem sehr komischen Gefühl in der Magengegend und großer Herzlichkeit. Gespräch über Informationsquellen u.ä. verläuft vorher allerdings nicht ganz unproblematisch.
Wir bleiben mit einem Kloß im Hals zurück.
Jetzt wird das alles erst so richtig klar.
Anweisungen aus der Schule. Große Pläne, durchkreuzt von technischen Schwierigkeiten und schönem Wetter. Dann kommen die ersten Päckchen Schulaufgaben. Es wird wohl doch nötig sein, Pläne zu erstellen. Präsent Perfect erarbeiten, dazu natürlich past participle, Gedichtinterpretation, Intervalle, Quintenzirkel. (Die Musiklehrerin schickt sehr viele bunte auszudruckende Seiten. TochterJ hat im 2. Halbjahr (Zeugnisse am 31.1.) noch keine einzige Stunde Musik gehabt. A propos Josef Guggenmos*, die letzten Zeile eines seiner Gedichte endet auf ‚Der Wind ist los‘ ich habe es in der Grundschulzeit sehr geliebt, es reimt sich auch so schön auf Josef Guggenmos  ob der das bedacht hat. (Auf Twitter folge ich inkognito einem Grundschulklassenkameraden, da kann ich das leider nicht schreiben).
Ungeahnte technische Neuerungen: Punkt 16:00 klingelt das Telefon, es ist die Klavierlehrerin, altersmäßig auf dem Weg in die Risikogruppe. Sie findet, die Kinder brauchen die Struktur und die Möglichkeit des Zeitvertreibs und der Ausdrucksmöglichkeit durch Musizieren, ich kann das nur unterstützen, den Kindern gefällt‘s.
Danach noch Lerntagebuch ausfüllen, Hausaufgaben machen (will future), Kartoffeln kochen für Kartoffeln mit Quark und Salat. Tochter J hat allerdings begriffen, dass alles besser ist mit Käse überbacken und fordert etwas raclettemäßiges, keine Problem, ich bin natürlich selbst auch total überbackaffin.
Die Kinder verabschieden sich zu meinsong auf kika, danach logo, ich schaue nicht mit weil die twitterkneipe um 20:00 Uhr öffnet. (Und wie toll war das bitte 😍 Danke und extrem gerne wieder)
Während sie vor! der! Glotze! essen und noch eine Runde magisches Kochbuch bingen (so war das nicht gemeint!) amüsiere ich mich, dann rituelles Streiten wegen Papatelefonat, vergebliche Schlichtversuche und ein zu spätes Zubettgehen.
Ich muss jetzt auch, denn wenn die Kinder den ganzen Tag hier präsent sind muss ich auch inakzeptabler Verfassung sein.
Als Rausschmeißer lasse noch einen wunderschönen Alles-wird-gut-Sonnenuntergang vom Dachfenster aus da.


* wie, der ist erst 2003 gestorben?!
** gegoogelt: das endet garnicht auf ‚der Wind ist los‘.  (Skandiert: von Josef Guggenmos) Betrug! (Ja, ich bin einfach zu erheitern)

P.S. Die Gemüsekiste wurde tatsächlich geliefert. Juhu , soll so weitergehen.

16.3.20

Corona #3 Montag, 16.3.2020

Wecker um 4:30, aber der Mann entscheidet sich fürs länger schlafen und geht erst um kurz nach 6 aus dem Haus. Ich bin wach und aufgeregt. Zu viel Info, zu lange online. Ein Artikel schlägt vor, was noch zu bevorraten wäre, daraufhin eskaliere ich etwas und kaufe Vitaminhamster. Getrocknete Cranberries und Ananas in der Tüte, ich will auch frische Pomelo (aus China natürlich), die sind aber noch nicht wieder eingeräumt. Granatapfel, Brokkoli sind da, dafür vergesse ich Kaffeefiltertüten. Brötchen fürs gemeinsame Frühstück. Die Kinder haben heute noch schulfrei, es ist wäre Pädagogischer Tag gewesen. Sie haben eine Idee und säubern und entstauben das gesamte Playmo, derweil putze ich den Boden des Mittelzimmers. Nachrichten trudeln, Absagen, Zusagen, Orgafragen. Am Nachmittag dann die Neuigkeiten, dadurch überdenken wir unsere Situation. Reicht es, wenn meine Eltern wie geplant morgen fahren? Telefonat mit meiner Schwester, die meinen Eltern ihrerseits ins Gewissen redet, nach der Rückkehr Abstand zu halten. Wir entscheiden, dass es ausreicht, wenn sie morgen fahren.
Nachmittags treffen sich die Kinder mit ihrer Freundin und spielen sehr schön im Garten. Wir peilen die Lage, putzen und genießen die Frühlingsluft bei offenen (aber noch ungenutzten) Fenstern.
Abends regt der Enkel/mein Neffe/ Cousin eine Skypesitzung an, alle sind begeistert. Also auch bisschen was positives.
Beim Abendessen schnappt sich TochterR das Oertliche, das mein Vater mir druckfrisch mitgebracht und blättert zum ersten Mal in so einem Ding, Kulturschock quasi. Verrückt, was es alles gibt. Das war süß.

Corona #2

noch macht die Autokorrektur Corina draus. Sie wird es lernen müssen. Unwirklicher Sonntag. Lange geschlafen, spätes Frühstück, die Kinder kochen uns Pfannkuchenpäckchen, die Großeltern sind beeindruckt (wir auch). Fußball im Garten, meine Eltern drehen eine Runde, ich gehe den ganzen Tag nicht aus dem Haus, schwanke zwischen absoluter Besorgnis und Freude über die unübersehbaren Frühlingsboten.

Abends schauen die Töchter zum ersten mal Tagesschau, wir setzen uns danach um den Tisch und beten einen Psalm, es ist das Anliegen meiner Mutter (ich weiß es doch auch nicht). Sie bleiben jetzt noch bis Dienstag, wir denken, es wird doch jeder noch nach Hause fahren dürfen.
Sind wir gut vorbereitet? Ich weiß es nicht.
Abends hat der Mann noch das Video des gemeinsamen Lanzaroteurlaubs zusammengestellt, das schauen wir gemeinsam und schwelgen ein bisschen. Wie hatten wir es schön.
Morgen fährt der Mann ins Nachbarbundesland. Es bleiben Fragen.

#wmDedgT Oktober 2026

  Frau Brüllen fragt das Internet  ‚was machst Du eigentlich den ganzen Tag?' und wir beantworten das am 5. jeden Monats mit dem Hashtag...